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Besprechung aus “Neue Presse Coburg” 20.12.04 - Vorstellung Rosengarten Coburg Ein zauberhaftes Spektakel Goethes Zauberlehrling im Kongresshaus Rosengarten
“Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben Und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben”
Viele Generationen von Schülern haben - oder sollte man nach der Pisa-Studie sagen: “hatten” - diese Ballade Johann Wolfgang von Goethes auswendig gelernt. Ein Lehrstück höchster phantastischer Dramatik um die Möglichkeiten des Menschen, seinen freien Willen im Einklang mit Vernunft und Natur auszubilden. Natur, geniale Intuition und künstlerische Phantasie, ist nichts ohne die Regeln der Vernunft und das Bemühen um Erkenntnis. Verstand und natürliche Begabung allein aber führen ebenfalls in die Irre, in den genialen Machtrausch der Übermächtigung des Natürlichen.
Dieses Zusammenspiel zwischen den beiden Seiten des Menschlichen, seiner Naturgebundenheit und seiner Vernunftfähigkeit, die sich im unverstellten Wollen zum Ausdruck bringt, versucht der Magier, Meister der Naturkenntnis und des Sinnlichen wie Übersinnlichen, seinem Lehrling und Buben in spannenden Dialogen und Schritt für Schritt zu vermitteln.
In seinem “neuen Schauspiel” nach Goethe verknüpft Thomas Waldkircher, der als Schauspieler zugleich Regie führt, Phantasien, Satiren, Possen und Gedanken Goethes (aus dem “Vorspiel auf dem Theater”, den “Künstergedichten”, den “Mystifizierten” und dem “Satyros”) zu einem spannenden und humorvollem mystischem Spectaculum in vier Aufzügen, begleitet von lebensgroßen Marionetten, Schattenspiel, Tanzeinlagen und Ballett des “Buben”. Dieser Bube zaubert ohne Verstand, bis er die Hilfe des alten Weisen anflehen muss: “Herr, die Not ist groß ! / Die ich rief die Geister, / Werd’ ich nun nicht los !”
Als Lehrling des weisen Magiers versteht der Bub nicht, warum er kurz gehalten wird. Er fühlt sich schon wie der Meister und denkt dessen Magie mache ihn Gott gleich: “Gott ist Gott und Ich bin Ich”. Er verwechselt die äußere Schale fixen Könnens mit dem wesentlichen Kern des Menschen. In den Stadien seines jugendlichen Fortschritts muss er nicht nur in die “tiefe Kenntnis der Natur”, die missverstandene Kunst - ist sie nicht von höherem und innigen Streben geleitet - als Künstlichkeit (“Kopie - nie Original”) nur nachäfft, eindringen, sondern über eigene Wunschträume der verborgenen Herkunft auch in die Realität seines Lebens und die Geschichte seiner Psyche. Streben nach unbegrenzter Macht und selbstischer Unsterblichkeit kann nur im ewigen Wachsen der Erkenntnis Sinn machen.
Thomas Waldkircher verkörpert den Zaubermeister mit seiner hohen Statur und dem sonoren Bass in zauberhafter Weise. In den Mittelpunkt seines faustischen Sinnesspektakels aber hat er die bezaubernde Anja Pirling als den Zauberlehrling gestellt. Mit einer Stimme wie ein Bub, saufrech schnoddrig, ungehorsam und trotzig, dennoch hinreißend witzig, gewitzt, wie ein Wirbelwind über die Bühne fegend, pantomimisch und tänzerisch erweckt sie die Ballade wie die dramatische Komödie zu kraftvollem und quirligem Leben. Eine Vollblutkomödiantin bester Art.
Zur Musik von Gustav Mahler, Monteverdi und natürlich am Ende dem “Zauberlehrling” von Paul Dukas, der Goethes Gedicht kongenial in Töne gesetzt hat, ersteht eine phantastische und spannende Welt zwischen und Natur und Geist(ern), Realität und Fiktion, psychischer Reflexion und allmächtigen Wachträumen. Die kenntnisreiche und schlüssig zusammengestellte Vorgeschichte um den Zauberlehrling und seinen Meister, ihre Beweggründe und seelischen Hintergründe und die Darbietung in guter Spielmannsmanier fanden humorvolle Anerkennung und intellektuellen Respekt. Vor allem aber die großartige Leistung der beiden Schauspieler - Effekte von Michael Schmidt und Technik von Tobias Prothmann eingeschlossen - und hier insbesondere der knabenhaften Anja Pirling wurde von den kunstsinnigen Besuchern mit großem Beifall und vielen “Vorhängen” bedacht.
Neue Presse Coburg, 20.12.2004, Dr. Peter Müller
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